Pressestimmen:

Ulrich Pfaffenberger, Süddeutsche Zeitung, 16. November 2021

"Grasset4" füllt die Schrottgalerie mit einer fantasievollen Mischung aus Folk, Bluegrass und Country.

"Everytime I hear that song" im zweiten Set von Grasset 4 in der Glonner Schrottgalerie ist das Lied, das für manchen im Publikum den Abend verändert. Ein kleiner Hinweis von Lead-Sängerin Adiaha Bürkmiller mag den Anstoß dazu geben, die zwei, drei Sätze über "Flashbacks", also Momente, in denen ein Erlebnis in der Gegenwart die Vergangenheit wieder lebendig werden lässt. Es ist ja eigentlich ein trauriges Liebeslied von Brandi Carlile, das hier vom bayerisch-bluegrassigen Quartett gecovert wird. Aber muss Liebe immer einer Person gelten? Kann es nicht auch ein Ort, ein Ereignis sein? Weshalb im Verlauf der knapp vier Minuten das geschieht, was aus einem Konzert ein gutes Konzert macht: Die Musik spricht mit einem, dringt ins Innerste vor, verbindet die Zuhörenden mit den Musizierenden. Wobei der tragenden und vielgestalten Stimme der Leadsängerin, bei der sich manche an Sheryl Crow erinnert fühlen, die wichtigste Rolle zukommt: Sie ist das Instrument, das unter Haut geht.

Einer der Flashbacks, die sich da ereignen, hat auch mit der Schrottgalerie zu tun, die - mit Abstand bestuhlt - komplett besetzt ist. Es hat sich einiges verändert: Die Bühne ist in die Ecke umgezogen, in der immer ein Tisch mit Gästebuch stand. Das Klavier wohnt jetzt gleich neben dem Eingang und der alte, schwarze Wamsler ist einem schmucken, weißen Heizofen gewichen, auch noch ein Modell von gestern, genauso wärmend, aber schonender zur Umwelt. Das alles nimmt man wahr, fremdelt für einige Sekunden, um bei den ersten gezupften Tönen vom Bass, den griffigen Akkorden der Gitarre und den eingängigen Rhythmen aus dem Songbuch der "Americana" wieder dort anzukommen, wo man vor knapp zwei Jahren mit dem Zuhören aufhören musste: in der Blues-Schatztruhe von Glonn. In Grasset 4 haben die Schrotter dabei einen Glücksgriff getan, weil die noch junge Band aus alten Hasen genau dort anknüpft, wo Anfang 2020 der Faden gerissen war.

Von wenigen wehmütigen Passagen abgesehen, steckt die Mischung aus Blues, Folk, Bluegrass und einer kräftigen Prise Country in dem gut zweistündigen Konzert voller Fröhlichkeit und Zuversicht. Selbst der Walzer, für den Gitarrist Otti Wochinger und Bassist Christian Auer ihre Instrumente tauschen, erfüllt den Raum mit jener unwiderstehlich gelassenen Atmosphäre, die man sie sich für das Ende einer mühsamen Woche wünscht. Es sind vor allem zwei musikalische Merkmale, die mit ihren hellen Tönen diesen Charakter prägen: Annette Weiß mit ihrer singenden Fiddle und ihrer unaufdringlich-heiteren Harmoniestimme schafft das eine davon, Bürkmiller das andere, weil sie ihr Banjo so fein dosiert einsetzt, dass sein Klang zwar präsent ist, aber fern von jener Aufdringlichkeit, die manche diesem Instrument unterstellen. Wer den Klassiker des Wilden Westens so gekonnt zupft wie die Bandleaderin, bringt eben auch die inneren Werte zum Klingen.

Mit welcher Sorgfalt sich das Quartett in seinem doch recht weit gespannten Genre bewegt, macht die Auswahl der Titel deutlich. Wo dem Zufall und persönlichen Vorlieben Tür und Tor geöffnet wären, trifft Grasset 4 eine Auswahl, die das Publikum in ein belebendes Wechselbad von Melodien eintauchen lässt. Da sind typische Balladen wie "Keep your heart young" dabei, genauso wie Musik, die einen in Gedanken auf dem Floß den Mississippi hinabtreiben lassen wie "Catfish John", in die Prärie hinaustragen wie der Dixie-Chicks-Song "Cowboy take me away" oder die heiligen Hallen der Country Music neu definieren wie Maren Morris' "My Church".
Viel über das Können und den Esprit von Grasset 4 sagen jene Variationen, die den klassischen Folk- und Bluegrass-Horizont weit ausdehnen. Zum Beispiel die highway-tauglich groovige Umsetzung des Common-Linnets-Ohrwurms "Calm after the storm" oder die sehr poetische, von der Ballade in leidenschaftlichen Rock sich wandelnde Interpretation von "Me and Bobby McGee", die den Abend beschließt. Nicht zuletzt die pfiffige und muntere Interpretation von "When I'm 64" ist ein Meisterstück, das die Beatles-Nummer in ein Musterexemplar von britisch-amerikanischem Geplänkel verwandeln.

Ein bisschen zu viel Hall gewährt die Tonsteuerung bei diesem Stück, was aber kaum stört, sobald man auch diese Veränderung in der ehemals "unplugged-only" Schrottgalerie annimmt. Es gab auch in der Vergangenheit schon Ausnahmen davon - mit dem größeren Abstand bis hinein in den hinteren Teil des Raumes ist der Abschied vom nostalgischen Prinzip vertretbar. Vom Publikum gibt's so herzlichen Applaus, dass man sicher sein kann, dass der Wunsch aus dem Chris-Stapleton-Song - "More of you" - in Glonn angekommen ist.

 

 

Adiaha's Bluegrass Camp - Adiaha Bürkmiller    adiaha@bluegrasscamp.de - 0176-23 64 07 02